Einer flog übers Kuckucksnest



Vorspann: Das Vorstellungsgespräch.

Februar, 1997. Alles fing eigentlich an wie in einem schlechten Krimi: Ich saß im Verhörzimmer der Cops, und die spielten das alte ‚guter Bulle-, böser Bulle'-Spiel mit mir. Nur dass außer dem guten Bullen (dem österreichischen Bestsellerautor H.) und dem bösen Bullen (dem Berliner Schriftsteller und Lyriker T.) noch ein dritter älterer Bulle (der damalige Leiter des Deutschen Literaturinstituts J.) am Tisch saß, der mich die ganze Zeit väterlich lächelnd ansah, wie der Papst im Quincy-Kostüm.
T.: "Sie haben ja schon drei Studiengänge abgebrochen... Meinen Sie denn, Sie halten das Studium diesmal durch."
Ich sah nach links zu T.: Weit auf seinem Stuhl zurückgelehnt, die Beine übereinandergeschlagen und die Arme vor der Brust verschränkt, erinnert er mich stark an das pantomimische Modell für "Abwehrhaltung", das ich mal in einem Buch von Samy Molcho über Körpersprache gesehen habe. Es war klar: Er schien von dieser Leistung keineswegs beeindruckt - aber hey, ich war immerhin erst 26, und wenn ich schon keine traumatischen Kriegserlebnisse, Knastaufenthalte oder Stasiakte vorzuweisen hatte, war das doch wenigstens etwas für eine gebrochene Schriftstellerexistenz. Ich sah ihn mit Pokerface an: "Ich war zwar mehrmals eingeschrieben, aber eigentlich hab ich die ganze Zeit immer nur geschrieben." Ich lächelte erfreut über mein kleines Wortspiel.
H. nach vorne gebeugt, in meiner Bewerbungsmappe blätternd, nickte zustimmend, sah mich lächelnd von unten herauf an: "Sie haben uns drei Auszüge aus drei Romanen geschickt. Das ist allerhand. Sind die alle beendet?" Sein charmanter Wiener Akzent war einfach überwältigend...
Ich, ein wenig Understatement kommt ja immer gut: "Den Dritten überarbeite ich gerade."
T., die real gewordene Sammy Molcho-Pose für Abwehrhaltung: "Aber Sie wissen, dass Sie im Studiengang Diplomschriftsteller auch theoretische Arbeiten abliefern müssen. Stellt das für Sie ein Problem dar?"
Papst ‚Quincy', die Kaffeetasse an den Lippen, milde lächelnd: "Ein Drittel, etwa..."
Ich schüttelte den Kopf: "Na ja, wenn's der Sache dient..." Vorsichtig wanderten meine Augen über die Gesichter des Verhörteams: Versteinerte Mienen. Niemand fand diese Bemerkung anscheinend komisch. "Ich meine, also, ich denke, das ist kein Problem für mich..."
Einen Moment Stille. Das Verhörteam warf sich kurze Blicke zu, dann räusperte der böse Bulle sich: "Sind wohnen seit zwei Jahren in Berlin..."
Ich nickte zustimmend. Das war doch immerhin ein Lichtblick in meiner Biografie: Ich war dem Ruf der aufblühenden Metropole gefolgt, ins Mekka der Jungliteraten.
T.: "Wären Sie denn auch bereit, nach Leipzig zu ziehen?"
Ich schluckte. Daran hatte ich überhaupt noch nicht gedacht. Die ganze Bewerbung war eigentlich ein Spaß gewesen. Ich hatte nie damit gerechnet, dass ich angenommen werden könnte...
T.: "Ich will Ihnen nichts vormachen, das Studium stellt ziemlich hohe Anforderungen. Und Sie werden Probleme bekommen, wenn Sie nicht vor Ort sind."
Ich blickte mich um: T., unverändert Abwehrhaltung, H., über meine Bewerbungsunterlagen gebeugt, blickte gespannt auf, Papst ‚Quincy', die Kaffeetasse an den Lippen, lächelte mir mild über den Porzellanrand zu. "Na ja, also, ich meine, falls ich denn, äh, überhaupt angenommen werde, dann, äh, könnte ich mir natürlich auch vorstellen, nach... äh, äh, äh..."
"Leipzig", soufflierte ‚Quincy'.
"Leipzig zu ziehen..."
Papst ‚Quincy' nippte zufrieden an seinem Kaffee, milde lächelnd: "Was für Fächer möchten Sie denn studieren?"
Ich: "Ich dachte an Prosa und Lyrik."
H., in meinen Unterlagen blätternd: "Also, ich würde Ihnen, ehrlich gesagt, Dramaturgie empfehlen. Ich sehe hier einiges Talent zu Dialogen."
Ich lächelte. Dieser Wiener Dialekt - einfach unwiderstehlich.
J.: "Sie können auch im Hauptfach Prosa wählen und als Nebenfächer Lyrik und Dramaturgie."
Ich hob die Schultern. "Okay."


1. Akt und erstes Semester

Kurz darauf erhielt ich einen Brief vom Literaturinstitut Leipzig: Ich durfte - mit einer Sondergenehmigung des Freistaates Sachsen, denn in dem waren dreifache Studienabbrecher normalerweise eigentlich nicht erwünscht - am Deutschen Literaturinstitut studieren. Drei Jahre auf Bewährung.
Alles lief zunächst perfekt: Ich fand über eine Berliner Bekannte ein supergünstiges WG-Zimmer, sodass ich nicht mal meine Berliner Wohnung aufgeben musste. Okay, der Ofen in dem Zimmer war zwar kaputt, aber dafür war die Wohnung nur fünf Minuten von der Uni entfernt. Ein Freund lieh mir auf unbestimmte Zeit sein altes Notebook, ein anderer seinen kleinen Singlefuton. Einen Schlafsack hatte ich selber noch. Und als ich dann am ersten Tag in die Wächterstraße einbog, in der gegenüber der Leipziger Kunsthochschule die restaurierte Villa des Literaturinstituts lag, war das durchaus ein erhabenes Gefühl: Ich war einer der wenigen Auserwählten, die hier studieren durften. Ich war eindeutig auf dem Weg nach oben: Der Schriftstellerolymp wartete bereits auf mich.

Das Studieren als solches stellte dann schon ein größeres Problem dar. Vor allem die drei Theoriekurse, die ich belegt hatte, machten mir - wie vom bösen Bullen befürchtet - schwer zu schaffen: Donnerstags um 9.00 Uhr morgens bei H. irgendwas über Umberto Ecos Ästhetik - die verlängerte Tiefschlafphase. Ich habe kein Wort verstanden und selbstverständlich nie einen Schein gemacht. Bei T. irgendwas über Schriftsteller, die sich mit der Stadt Rom befasst hatten, eine Pflichtveranstaltung für alle, die auf die Studienfahrt mit nach Rom wollten. Auch nicht viel besser. In Rom war ich. Aber den erforderlichen Schein habe ich natürlich nicht erworben. Und beim Münsteraner Gastdozenten S. ein Seminar über Thomas Bernhard, was dann in Wirklichkeit ein Kurs über S. himself war, denn S. schaffte es jedes Mal, mindestens die Hälfte der Zeit damit rumzubringen, uns seine Erlebnisse von den Zugreisen zwischen Münster und Leipzig zu schildern, und die verbleibende Zeit, Anekdoten aus seinem Privatleben zum Besten zu geben, wie es ihm zum Beispiel bei seiner zehntägigen Fastenkur letzten Winter ergangen sei, bei der er schon nach dem dritten Tag Gelüste gehabt hätte, die Fettspuren aus der Pfanne zu lecken. Oder, wenn ihm sonst nichts mehr einfiel, zu erzählen, wie sehr er es eigentlich hasste, zu schreiben. Na gut, das hatte, im Vergleich zu den beiden anderen Theorieseminaren, zumindest den höchsten Unterhaltungswert. Und: In S.'s Seminar über S. himself erhielt ich dann tatsächlich meinen ersten und gleichzeitig einzigen Theorieschein, den ich am DLL je erwerben sollte. Denn statt einer lästigen Hausarbeit - die er dann womöglich hätte lesen und beurteilen müssen - verlangte S. lediglich ein Referat, das ich dann über "Holzfällen" hielt und lieferte damit im Seminar über Thomas Bernhard den einzigen Beitrag über Bernhard himself.
Besser abgeschnitten habe ich bei den Praxisscheinen: Einen in Lyrik bei Papst ‚Quincy', der zum Glück 90 Prozent der Zeit krank war, und ich dadurch nie in die peinliche Verlegenheit kam, jemals ein Gedicht von mir vor versammelten Kurs vortragen zu müssen, damit die darin ohnehin nicht enthaltenen Metaphern anschließend in der Gruppe zerfleddert werden konnten. Verstohlen schob ich J. ein paar ältere Verse (grauenhaftes Zeugs) ins Fach, doch zu Beginn des nächsten Semesters erhielt ich dafür anstandslos einen Schein. Dann einen Schein bei T. in einem Kurprosaseminar, in dem's darum ging, eine Kurgeschichte zum originellen Thema "Verwandlung" zu schreiben, und welches, also das Seminar, dann regelmäßig in eine Gruppentherapiesitzung ausartete, wenn immer die gleichen Spezis im Kurs erst mal eine Schwäche im Text entdeckt hatten, mit dem sie den Verfasser persönlich attackieren konnten, und der dann wiederum so naiv war, sich auf diesen Seelenstriptease einzulassen. Ich schrieb deswegen einen möglichste kurzen, möglichst verworrenen und - ganz wichtig! - möglichst sich selbst und alles Schreiben als solches in Frage stellenden Text über ein kleines weinendes Kind, einen Fotografen, eine wasserspritzende Bewässerungsanlage im Gewitter und den Terminator, aus dem, genau wie ich, niemand so richtig schlau wurde. Und statt über mich herzufallen, entstand eine Diskussion über den Sinn des Textes, den Sinn des Schreibens als solches, sodass ich mich die ganze Stunde nicht ein einziges Mal zu meinem Text äußern musste.
Bei S. gab's im Fach Prosa auch einen Schein zu erwerben: indem man kleine skurrile Artikel und Meldungen von der Panoramaseite in Minikurzgeschichten umwandelte. Eine ziemlich bescheuerte Übung. Aber S. hatte damit immerhin ein ganzes Buch gefüllt - das sogar verlegt worden war! Also machte ich die Übung mit und schrieb an einem Nachmittag gleich mal ein ganzes Dutzend solcher Miniaturprosastücke, in der tollkühnen Hoffnung, S. würde sie seinem Verleger zeigen, damit der daraus auch so ein Buch machte. Ich hab zwar einen Schein dafür bekommen, jedoch weder einen Anruf von seinem Verleger, noch eine kritische Stellungsnahme von S. himself, was, laut Lehrauftrag, eigentlich seine Pflicht gewesen wäre - wie soll man sonst etwas lernen? Also, mein lieber S.: Ich warte noch heute auf die Bewertung meiner Miniaturen!
Ebenfalls bei S. hab ich versucht, einen Schein im Fach Dramaturgie zu erlangen, in einem Seminar über dramatisches Schreiben, das ähnlich wie sein Seminar über Bernhard eher ein Seminar über das alltägliche Drama von S. himself war, sodass vielleicht drei Studenten in dem halben Jahr die Gelegenheit erhielten, ihr Stück der Gruppe vorzustellen. Mir war das eigentlich nur Recht, so brauchte ich meine Arbeit, genau wie bei J., wieder nur klammheimlich ins Fach legen: Einen Mini-Krimi, dessen Plot auf einer alten Derrickfolge basierte, die ich auf Video aufzeichnete, um anschließend die Handlung etwas abzuändern, was dann ungefähr so aussah:
Im Original ging es darum, den Mord an einem erschossenen Firmenchef aufzuklären. Und Derricks erste Spur führt zu einem Kumpel des Opfers, mit dem der Verstorbene seit geraumer Zeit über die Tochter eines seiner Angestellten (klassischer Proletarier: weißes Rippunterhemd, immer eine Flasche Bier in der Hand) rübergestiegen ist - gegen deren Willen, aber wenn sie sich ihm verweigert hätte, hätte der Firmenchef ihren Vater aus dem Betrieb geworfen. Und der geile Kumpel des Ermordeten ist zunächst der Hauptverdächtige, weil er den Derrick ständig anlügt, weil er nicht will, dass seine Frau erfährt, dass er sich derart amüsiert. Doch weil die längst über alles Bescheid weiß, versucht sie, ihn aus Rache zu erpressen, sodass nun der geile Kumpel zum Derrick rennt und versucht, seiner Frau den Mord in die Schuhe zu schieben. Aber das nimmt nicht mal der tränensäckige Derrick ernst. Der hat nämlich inzwischen rausgefunden, dass dieses Mädchen einen vorbestraften Freund hat, der wiederum einen überengagierten Sozialarbeiter hat, so'n Idealist, der in einer Tour alles anprangert. Und deswegen denkt der findige Derrick, dem sei der Kragen geplatzt, und er hätte vor lauter Weltschmerz den fiesen Kapitalisten weggepustet. Aber dann stellt sich heraus, dass der Sozialarbeiter mit seinem Gelaber die ganze Zeit nur den Freund von dem Mädchen schützen wollte, weil der soziale Sozialarbeiter wiederum davon ausging, dass sein Schützling der Mörder ist, aber er wollte nicht, dass dieser, sondern die Gesellschaft versagt hat. Na ja, und am Ende versammeln sie sich alle am Tatort, wo sich dann schließlich herausstellt, dass es - potzblitz! - die Ehefrau war. Warum auch immer.
Ich wob daraus auf alle Fälle für S. einen sozialkritischen Einakter, indem ich aus dem ermordeten Ehemann eine ermordete Ehefrau machte, aus dem Sozialarbeiter einen schwulen Psychiater und aus dem Mädchen den zwei Meter großen, blonden, blauäugigen und halb schwachsinnigen Sohn von der Putze, namens HANS. Nur dass Hans es bei mir gleich mit allen getrieben hat. Und anders als beim Derrick kann es bei meinem Kommissar - ‚der Rick' genannt - von Anfang an nur einer gewesen sein: nämlich genau dieser Hans. Nur ist aus dem Hans überhaupt nichts rauszuholen, weil der gar nicht kapiert, was abgeht. Und am Ende versammeln sich wie im Original alle am Tatort und der Rick schießt Hans völlig unmotiviert ne Kugel in den Rücken - eine Hommage an "Dirty Harry IV" -, woraufhin der Psychiater durchdreht und auf den Rick losgeht - eine Hommage an "Schweigen der Lämmer" -, woraufhin sich herausstellt, dass der Psychiater der Mörder war: aus Eifersucht, um Hans zurück in seine Anstalt zu kriegen. Und am Ende wacht der Rick in eine Zwangsjacke gepackt in einer Gummizelle auf, und der Psychiater schickt ihm den nackten Hans mit seinem langen Ständer rein - eine Hommage an "Irre geile Boys VI" -, doch dann wacht der Rick zum Glück auf. Alles nur ein Traum. Das Telefon klingelt. Sein Assi Rolf ist am Apparat und teilt dem Rick mit, dass Hans lebt! Und nachdem Rolf schon längst aufgelegt hat, sitzt der Rick noch eine ganze Weile in seinem Bett und lauscht den Signalen, die über seinen Telefonhörer aus dem Netzwerk eines Leitungsuniversums in seinen ratlosen Gehirnkosmos dringen, bis er - eine Hommage an "Odyssee 2001" - den Hörer schließlich in Zeitlupe in die Luft wirft.
Auch für dieses unfassbare Drama erhielt ich von S. einen Schein. Doch einer Bewertung dieser tiefgreifenden Milieustudie hat er sich bis heute entzogen. Also, mein Lieber S.: Ich warte noch heute auf Deine Bewertung meiner Arbeit im dramatischen Schreiben!

Zum Ende meines ersten Semesters am Leipziger Literaturinstitut gab's dann noch einen kleinen Skandal. Da der österreichische Bestsellerautor H. nach dem nächsten Semesters die Uni für zwei Jahre verlassen sollte, um in New York seinen neuen Bestseller zu schreiben, musste eine Vertretung für diese vier Semester her. Und diese Wahl war nun getroffen, und der Vertreter war kein geringerer als: S. himself! Das ganze wurde vor allen Studenten und versammelter Lehrkörperschaft von dem ausnahmsweise mal nicht kranken Leiter Papst ‚Quincy' feierlich und freudig verkündet. Nur, dass sich von den Studenten niemand freute. Die Mehrzahl der Jungliteraten war zutiefst empört, denn bei ihnen hatte sich S. mit seinem selbstdarstellerischen Unterrichtsstil und noch einigen anderen Dingen ziemlich unbeliebt gemacht. Und das musste er - wenn er nicht völlig Feedback-Resistent war - eigentlich auch ganz genau gewusst haben, aber dem Leipziger Führungstrio hatte er - wie sich später rausstellte - tollkühn das Gegenteil vermittelt: nämlich, dass er superbeliebt bei allen Studenten sei. Eilig wurde von diesen eine Versammlung mit dem Führungstrio und unter Ausschluss von S. einberufen, doch die Sache war nicht mehr rückgängig zu machen: Das sächsische Innenministerium hatte dem Antrag bereits stattgegeben.
Ich war einer der wenigen, die sich darüber nicht aufregten. Zum einen bewunderte ich S. heimlich, da er das Literaturinstitut anscheinend noch weniger ernst nahm wie ich, zum anderen hatte ich höllischen Respekt bei der Vorstellung, was er da beim ‚guter Bulle-, böser Bulle'-Spiel für eine regelrechte Meisterleistung hingelegt haben musste, ungefähr so wie Kevin Spacy, alias Keyser Soze, in "Die üblichen Verdächtigen". Statt ihn zu verurteilen, hätten wir ihn einstimmig für den Oscar nominieren sollen. Davon ganz abgesehen hatte ich bereits nach dem ersten Semester die üble Befürchtung, dass ich im Übernächsten, also wenn S. kommen sollte, sowieso schon wieder die Segel gestrichen haben würde...


2. Akt: Wie Phönix aus der Asche

Es kam wie es kommen musste. Der böse Bulle hatte mit seinen bösen Fragen Recht behalten: Bereits gegen Ende des zweiten Semesters fuhr ich immer seltener nach Leipzig, schwänzte ein Seminar nach dem anderen. Auf den Straßen wurde gerade die Weihnachtsbeleuchtung aufgehängt, und ich stand kurz vor meinem vierten Studienabbruch.
Ich war damals nicht der einzige. Die Stimmung im Institut glich immer mehr der in einer Irrenanstalt. Ich erinnere mich, wie mich an einem kalten Winterabend plötzlich eine Mitstudentin anrief, weil sie das Gefühl hatte, verrückt zu werden, sodass ich eilig zu ihr fuhr, um bei zwei Litern Johanniskraut-Tee beruhigend auf sie einzureden. Dabei hatte ich die Brühe mindestens genau so nötig wie sie.

Rückblende: Noch im Sommer hatte ich ernsthaft überlegt, ganz nach Leipzig zu ziehen, da meine zeitlichen sowie monetären Ressourcen von der ständigen Pendelei zwischen Berlin und Leipzig, plus einem kleinen Liebesdrama am Rande, bereits ziemlich aufgebraucht waren. Den baldigen Zusammenbruch vor Augen hatte ich deswegen zum Ende des ersten Semester eine verzweifelte Großoffensive gestartet: Ich verteilte meine bisherigen drei Romane auf drei Dozenten: Nr. 1 an H. für ein Seminar: "Arbeit an längeren Projekten", Nr. 2 für eine allgemeine Bewertung an S., zu der er laut Lehrauftrag verpflichtet gewesen wäre, und Nr. 3 an T., mit dem gleichen Zweck. Bevor ich das Handtuch warf, wollte ich zumindest eins sicher stellen: dass ich als Schriftsteller sowieso nichts taugte. Dann wäre dieses vierte Studium wenigstens nicht ganz umsonst gewesen.

Das Resultat in umgekehrter Reihenfolge:
Nr. 3: Gleich zu Beginn des zweiten Semesters wurde ich ins Verhörzimmer des bösen Bullen gerufen. Sein Urteil war wohlwollend - aber nicht euphorisch! Was für mich - und meine Eitelkeit - schon einem Kolalateralschaden gleich kam. Die absolut berechtigte Kritik: Weniger Pathos, mehr Selbstironie, perlte an mir ab, bis T. - allmählich genervt von meinem eitlen Trotz - schließlich sagte: "Vielleicht müssen Sie doch mal lernen Klinken zu putzen." Dabei lächelte mich T. so komisch an. Und ich fragte mich: Was denn für KLINKEN? Und in Gedanken sah ich mich bereits T.'s Hosenstall aufnesteln. Seine Kritik perlte, wie gesagt, an mir ab: Weniger Pathos, mehr Selbstironie!
Nr. 2: Von S. habe ich selbstredend bis heute keine Einschätzung zu meinem Manuskript bekommen. Also, mein Lieber S.: Ich warte noch heute auf deine Bewertung meines Romans!
Nr. 1: Das war ungefähr eine Woche nach dem Johanniskraut-Tee-Exzess. Nach eben jenem hatte ich Leipzig am nächsten Tag fluchtartig verlassen und erst an diesem Morgen wieder zurückgekehrt, denn die Besprechung meines Manuskripts in H.'s Seminar "Arbeit an längeren Projekten" stand an. Es war der Tag meiner endgültigen Kapitulation, dachte ich und drückte mich vor Beginn der Stunde in der hintersten Ecke des Flurs rum. Da kam plötzlich H. aus dem Seminarraum, erspähte mich, lief auf mich zu und sagte grinsend: "Hallo, Meister!" Was für mich ungefähr so klang wie: ‚Schön, dass der werte Herr sich auch mal wieder die Ehre gibt, uns mit seiner Anwesenheit zu beglücken.' Seine ausgestreckte Hand stach mir entgegen. Ich ergriff sie schließlich zaghaft und folgte ihm in Erwartung meiner Hinrichtung in den Seminarraum.
Nachdem sich alle gesetzt hatten, grinste mich H. mindestens eine halbe Minute lang an. Mein Manuskript lag vor ihm auf dem Tisch. Es machte ihm offenbar richtig Spaß, mich zu quälen, dann tippte er plötzlich auf den Stoß Papier und sagte: "Da haben Sie ja etwas ganz Tolles geschrieben." An den Rest der Stunde kann ich mich kaum noch erinnern. So weit ich mich entsinne, waren die anderen Seminarteilnehmer jedoch nicht annähernd so begeistert von dem Werk wie H. himself - bis auf meine Johanniskraut-Tee-Connection, aber die war eh verrückt. Doch H. ließ sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen. Im Gegenteil: Er sprach bereits davon, dass er es dem S. Fischer Verlag (seinem Verlag!) anbieten wolle. Woraufhin ich spaßeshalber meinte, ich säh mich aber eher bei KiWi. Woraufhin H. meinte: "Gut, dann eben KiWi." Mein Wille geschehe! "Auf dieses Manuskript", tippte H. freudestrahlend auf den Blätterhaufen vor sich, "habe ich, seit ich in Leipzig bin, gewartet." Und ich begriff allmählich, dass er weit davon entfernt war, mich verarschen zu wollen - sondern vielmehr genauso wahnsinnig wie meine Johanniskraut-Tee-Connection!

Nach der Stunde nahm mich H. beiseite. In einem Vieraugengespräch riet er mir, bis Weihnachten keine Seminare mehr zu besuchen, sondern nur noch das Manuskript zu überarbeiten.
Ich sah ihn misstrauisch an: keine Seminare mehr? Das wäre ja zu schön, um wahr zu sein! Aber vielleicht war das auch eine Falle...
H.: "Haben Sie damit ein Problem?"
Ich? Ich sah mich um, schüttelte vorsichtig den Kopf.
H.: "Wenn Sie möchten, rede ich deswegen mit J."
Ich sagte nichts. Pokerface.
H., eindringlich: "Sie müssen wissen, eine Buchveröffentlichung ist wichtiger als das Studium. Deswegen sind Sie letztendlich hier!"
Ich hob die Schultern: "Okay."
H. vereinbarte mit mir nächste Woche einen Termin für das erste Einzellektorat, bis dahin sollte ich mir seine Anmerkungen durchlesen. Dann rauschte er von dannen, ins nächste Seminar. Benommen stieg ich die Stufen nach unten, wankte durch die Eingangstür nach draußen. Die letzten Blätter trudelten in surrealen Grossaufnahmen von den Bäumen, und langsam begriff ich, was gerade passiert war: Mit einem Schlag stand mir der Schriftstellerolymp offen! Ich bekam vor Freude einen Ständer. Endlich entschlüsselte sich mir der Sinn des damals überall großspurig zu lesenden Slogans: "Leipzig kommt!"

Eine Woche später. Vor einer Lesung in der Aula der Kunsthochschule: der österreichische Bestsellerautor, H. himself, gab sich die Ehre. Ich mied normalerweise solche Veranstaltungen. Denn, mal ehrlich: Gibt es etwas Langweiligeres als Lesungen? Aber nun durfte ich da natürlich nicht fehlen. Und das ahnte auch der böse Bulle. Nachdem ich ja nun von allen Seminaren freigestellt war, passte T. (mit einer schwarzen Schatulle unterm Arm) mich dort ab, um mir ins Gewissen zu reden: "Ich bin, ehrlich gesagt, nicht damit einverstanden, dass Sie vom Unterricht befreit wurden."
Ich zuckte zusammen. Da hatte mich der böse Bulle auf frischer Tat ertappt: Denn T. befürchtete vollkommen zu Recht, dass man einem dreifachen Studienabbrecher wie mir damit Tür und Tor zu einem weiteren Abbruch öffnen würde. Ich sagte nichts.
Und gleich bohrte T. weiter: "Sie hätten doch in den Semesterferien ausreichend Zeit, das Manuskript zu überarbeiten."
Das war richtig. Nur war H. dann bereits in New York. Pokerface.
T. holte die schwarze Schatulle unter seinem Arm hervor und hielt sie mir entgegen. Es war die Abendkasse: "Da Sie ja sonst von allen Aufgaben befreit sind, würde ich Sie bitten die Kasse über Nacht mit nach Hause zu nehmen." Der böse Bulle lächelte mich an: "Ich bin pleite, und die Verführung zu groß."
Woraufhin ich lächelnd erwiderte: "Ich bin ebenfalls pleite. Die Kasse ist also in guten Händen."
Woraufhin T. mit einem Augenzwinkern Richtung H. lächelnd konterte: "Na ja, Sie haben's bald ja nicht mehr nötig."
Woraufhin ich so blöd war, anschließend beim Bier (ich schmiss ein paar Runden aus der Abendkasse) meiner wahnsinnigen Johanniskraut-Tee-Connection und zwei weiterem Mitstudenten von der Unterredung mit dem bösen Bullen zu berichten, von denen einer dies wiederum an H. weitergetragen haben musste, denn dieser himself verkündete wenig später verärgert, dass man am Institut Leuten (er meinte wohl mich) keine Steine in den Weg legen dürfe. Kurz darauf erschien dann im größten Leipziger Stadtmagazin ein Interview mit dem österreichischen Bestsellerautor, in dem H. sich äußerte, wie froh er sei, nun endlich das Manuskript eines Studenten entdeckt zu haben, für dessen Veröffentlichung er sich einsetzen würde. H. hätte diesen Studenten auf der Stelle umarmen können. Und das sei natürlich eine Bestätigung ihrer Arbeit am Institut.
Ich verstand zwar nicht, welche Bestätigung welcher Arbeit er meinte, denn fürs Institut hatte ich bisher ausschließlich Unfug produziert, aber damit waren die Fronten auf alle Fälle geklärt: Mein Roman war die langersehnte Entdeckung. Das erste Buch, das aus der neuen Literaturschmiede in Leipzig kommen sollte. Ich war der Hoffnungsträger! Wenn Papst ‚Quincy' mir auf dem Gang begegnete, strahlte er geradezu vor Glückseeligkeit: Der Papst hatte sein kleines Jesuskind gefunden, das Quincylein. Und unmittelbar nach dem Interview fragte der ebenso wie das Literaturinstitut nach der Wende neuformiert Gustav Kiepenheuer Verlag aus Leipzig an: Dort sollte doch bitteschön das erste Manuskript des ersten Leipziger Literaturinstitutsstudenten veröffentlicht werden. Und die Chefin war keineswegs ‚amused', als sie hörte, dass dieser, me myself, ausgerechnet zum verhassten Namensvetter nach Köln wollte - sie konnte ja nicht ahnen, dass ich das nur so aus Spaß daher gesagt hatte. Mir war das damals alles ziemlich suspekt: Eben noch fühlte ich mich als Schriftsteller auf ganzer Linie gescheitert, plötzlich war ich der Hoffnungsträger eines ganzen Instituts. Ja, einer ganzen Stadt: "Leipzig kommt!" Endlich. Es war wie ein schlechter Scherz.

Und das gab natürlich böses Blut. Da ich mich nicht nur von den Seminaren, sondern auch vom ganzen Betrieb am Literaturinstitut, nunmehr, so gut es ging, fernhielt, lag es an meiner Johanniskraut-Tee-Connection, mich über den jüngsten Klatsch und Tratsch auf dem Laufenden zu halten. Und so steckte sie mir, das unter den Studenten über mich und das Manuskript gelästert würde. Das Wort "Bukowski-Verschnitt" sei gefallen und "H.'s Liebling". Und mir war klar, dass sich einige jetzt ausmalten, wie ich mit dem österreichischen Bestellerautor zusammen in seinem Appartement bei Wein und Kerzenlicht tiefgehende Gespräche führen würde und dabei eifrig Klinken putzte.
Doch die Realität sah ein wenig anders aus: Ein einziges Mal war ich mit H. himself privat unterwegs, auf ein Schnelles Essen vor unserem Lektorat, gegenüber im ART, der Kantine der Kunsthochschule. Und H., der ja ein sehr politischer Mensch war, versuchte, mit mir eine Diskussion über die seinerzeit aktuellen Studentenproteste vom Zaun zu brechen. Wie enttäuscht er über deren Halbherzigkeit sei und so weiter. Doch ich hatte da dummerweise überhaupt keine Meinung zu - schlimmer noch: Ich wusste bis vor fünf Minuten nicht mal, dass es diese Proteste überhaupt gab! Ich verbarg meine Unkenntnis hinter hohlen Phrasen: Da sei eben die Luft raus. Denen geht's halt zu gut. Außerdem wissen die eh schon, dass das nichts bringt... H. gab's ziemlich schnell auf, mit mir über dieses Thema zu diskutieren. Und ich befürchtete, dass H. (zu dem mit Sicherheit ebenfalls sämtlicher Tratsch über ihn und seinen "Liebling" durchgedrungen war - im intimen Zirkel des kleinen Literaturinstituts sprach sich letztlich alles rum) an diesem Abend zum ersten Mal Zweifel kamen: War er vielleicht tatsächlich auf einen "Bukowski-Verschnitt" reingefallen? Die nächste Einladungen H.'s zum Essen schlug ich auf alle Fälle aus. Er hätte ja auf die Idee kommen können, mit mir über Weltpolitik reden zu wollen.

Kurz vor Semesterende war die Arbeit am Manuskript erledigt, und H. schickte es zu KiWi nach Köln. Am letzten Abend des Semesters feierte H. mit jede Menge Kisten seines österreichischen Lieblingsweins seinen Ausstand. Ich erinnere mich, wie ich mit meiner Johanniskraut-Tee-Connection in einem Nebenraum stand, wo sie aus dem Fenster gelehnt rauchte. Plötzlich stand der böse Bulle in der Tür, lächelte mich beschwipst an, ging ein paar Schritte auf mich zu und wollte gerade etwas sagen, als meine Johanniskraut-Tee-Connection wie das Phantom der Oper plötzlich hinterm Vorhang auftauchte. T. blieb stehen. Sein Lächeln verwandelte sich in eine bizarre Grimasse, dann drehte er sich um und verließ eilig den Raum. Ich erfuhr leider nie, was T. mir an diesem Abend mitteilen wollte.
Am nächsten Tag verdrehte ich mir, kaum in Berlin angekommen, bei einem Hobby-Kick das Knie und musste operiert werden. Ich lag zehn Tage im Krankenhaus und durchdachte meine Lage: Die nächsten vier Semester würde H. nicht in Leipzig, und ich dem bösen Bullen schutzlos ausgeliefert sein; dazu noch Selbstdarsteller S., der meine Arbeit (falls er sie überhaupt gelesen hatte) so gering schätzte, dass er sich weigerte, sie zu beurteilen. Was ich ihm nicht mal verübeln konnte. Zusätzlich eine handvoll Studenten, für die ich "H.'s Liebling" und der "Bukowski-Verschnitt" war, und die sich vermutlich nichts sehnlicher wünschten, als dass mein Buch der totale Flop würde. Ich würde es zumindest an ihrer Stelle. Und das Traurigste: Es gab nicht mal eine geile Studentenschnecke am ganzen Institut. Keine besonders rosigen Aussichten...


3. Akt: Asche zu Asche

Wochen vergingen, und immer noch keine Antwort von KiWi. Dann im Frühjahr, endlich: Der Cheflektor himself rief an: Er würde das Buch nicht veröffentlichen. Die Enttäuschung war natürlich riesig. Ich erinnere mich an ein Telefongespräch mit H.. Er war gerade von New York zurück und in Wien. Er versuchte, mir Mut zu machen: Die Schlacht sei noch nicht verloren. Er glaube nach wie vor an das Manuskript, und nachdem nun mein favorisierter Verlag abgesagt hätte, würde er das Manuskript, wie geplant, jetzt doch an Fischer, dann an Suhrkamp, Kiepenheuer Leipzig, DuMont (wo immerhin der L. jetzt Lektor wäre, der erste Absolvent des Instituts, von H. himself geprüft und mit Bestnoten ausgezeichnet), Goldmann, Luchterhand und so weiter und so fort - eben überall dorthin, wo der österreichische Bestsellerautor seine Spezis sitzen hatte.
Doch was folgte, war eine Art Kettenreaktion: Nachdem sich rumgesprochen hatte, dass KiWi abgesagt hatte, sagten auch alle anderen der Reihe nach ab (selbst der undankbare L.) - und zuletzt auch H. himself. Ich rief ihn an, um zu fragen, was ich jetzt tun sollte: Ob ich das Manuskript noch anderen Verlagen anbieten solle, könne, dürfe? Er hatte keinen wirklichen Plan, fuhr gerade mit dem Auto irgendwo in New York rum. Leipzig (kommt!) war weit weg. Versprach, sich noch mal Gedanken zu machen. Aber letztlich ist es mein Manuskript, und ich kann damit tun, was ich will. Ich glaube, das war das letzte Mal, dass ich mit ihm gesprochen habe. Und es war nicht von der Hand zu weisen: "H.'s Liebling" war grandios gescheitert. Der ehemalige Hoffnungsträger des Instituts eben doch nur ein "Bukowski-Verschnitt".
In meinem dritten Semester besuchte ich als einzigen Kurs ein Blockseminar bei dem Berliner Drehbuchautor B. über die ‚Technik des Drehbuchschreibens', das ich - im Gegensatz zur Mehrzahl der Teilnehmer - als das mit Abstand beste Seminar empfand, an dem in meiner Zeit am Literaturinstitut teilgenommen habe. Dann war auch der Lichtblick B. wieder weg. Zurück nach Berlin. Dort wollte ich auch hin: Ich rollte meinen Singlefuton und den Schlafsack zusammen, klappte das Notebook zu und kehrte Leipzig den Rücken.


Epilog

Neulich bin ich beim Surfen auf der Homepage des DLL gelandet. Dort gibt es eine Auflistung von sämtlichen Büchern, die Studenten (gegenwärtige, ehemalige und sogar bereits verstorbene) jemals veröffentlicht haben. Die einzigen Bücher, die dort nicht aufgelistet sind, sind meine inzwischen fünf erschienen Romane. Nicht mal der erste und vom heutigen Leiter des Instituts, H. himself, lektorierte; das Manuskript, das für das Institut Geschichte schreiben sollte. Der einstige Hoffnungsträger ist offensichtlich eine ‚Persona non grata' geworden. Kann man tiefer in Ungnade fallen? Also, ehrlich: Das tut schon ein bisschen weh! Und mein erster Gedanke war: Aus meinem Lebenslauf - sozusagen im Umkehrschluss - fortan die Erwähnung meines Studiums am DLL zu streichen.
Mein zweiter Gedanke war: Warum eigentlich? Eigentlich war doch alles eh nur ein Spaß gewesen. Vielleicht sollte ich mich stattdessen als Gastdozent am Literaturinstitut bewerben. Noch mal das alte ‚guter Bulle-, böser Bulle'-Spiel spielen. Ein paar Klinken putzen. Leipzig kommt!

PS: Inzwischen wurden meine Bücher in die Hall of Fame der Veröffentlichungen der DLL-Studenten aufgenommen - jetzt bin ich doch ein wenig gerührt...